Wachstum und Innovation anstelle von negativen Zinsen – eine Zerreissprobe?

(NZZ, 10.09.2020)

Teile der Wirtschaft scheinen sich weitgehend entkoppelt zu haben. Zerbricht die Medaille, deren zwei Seiten Real- und Finanzwirtschaft sind? Offensichtlich findet das verfügbare Kapital zurzeit nicht die durchaus vorhandenen Investitionsmöglichkeiten. Eine Brücke können neue alternative Anlagelösungen bauen.

Die Realwirtschaft sollte Lösungen für Konsumenten und Unternehmen liefern. Die Finanzwirtschaft hat die Aufgabe, Finanzierungs- und Anlagelösungen bereitzustellen, um Wachstum und Innovation zu fördern. In vielen entwickelten Ländern erkennt man dagegen eine hartnäckige Wachstums- und Innovationsschwäche. Innovationen sind immer mehr von globalen Giganten getrieben, während der sehr wichtige Mittelstand gesamthaft nicht genug Innovationskraft entfalten kann.

Verzerrte Aufmerksamkeit

Thorsten Hens, Professor an der Universität Zürich, erläutert: «Die Fokussierung der Medien auf die fünf globalen Stars, Facebook, Amazon, Apple, Netflix und Alphabet, kurz die FAANG, verleitet die Anleger dazu, die ebenso innovativen, aber lokal agierenden mittelständischen Unternehmen zu vernachlässigen. Dies ist ein typischer Fall von verzerrter Aufmerksamkeit, dem bekannten ‹Attention Bias› der Behavioral Finance.»

Dabei könnte es auch ganz anders laufen: Real- und Finanzwirtschaft könnten auf breiter Front nachhaltiges Wachstum durch echte Innovationen schaffen. So stiften alternative Anlagelösungen auf verschiedene Weise Nutzen: In der Form von Venture-Kapital unterstützen sie junge Unternehmen beim Aufbau mit Eigenmitteln. Mit Private Equity (Eigenkapital) und Private Debt (Fremdkapital) helfen sie etablierten Unternehmen beim Wachstum. Solche Anlagelösungen sind für Anleger interessant und für Unternehmen essenziell, um wichtige Finanzierungsbedürfnisse zu decken. Zudem herrscht derzeit ein einzigartiges Investitionsumfeld vor, das von niedrigen Zinsen und stark komprimierten Risikoprämien geprägt ist. Finanzkrisen und staatliche Interventionen zur Vermeidung von Rezessionen haben zu einem Überfluss an Liquidität im Finanzsystem geführt. Das Problem, dieses Geld effektiv in der Wirtschaft einzusetzen, hat zu einer Inflation der Vermögenswerte geführt, die erhofften Wachstumsimpulse sind ausgeblieben.

Rückzug der Banken

Für jeden einzelnen Anleger kann die Wertentwicklung durch eine Erweiterung des Anlageuniversums um alternative Lösungen verbessert werden. Jede dieser Alternativen bringt spezifische Vorteile und Risiken mit sich. Wobei Risiken nicht an sich negativ zu begreifen sind, sondern durchdrungen und beherrscht werden müssen. Denn jedes Risiko bietet auch die Chance einer Ertragsquelle.

Diese Chancen werden schon von ersten Spezialisten erkannt: Immer mehr professionelle Investoren engagieren sich im sogenannten Private Market. Private Debt ist noch immer ein Nischenthema, zählt jedoch mit einer Zuwachsrate von zuletzt 13,4% zu den am stärksten wachsenden Anlageklassen. Auch in Europa und der Schweiz hat das Thema in den letzten Jahren an Fahrt gewonnen. Der Rückzug der Banken aus bestimmten Sektoren des Kreditgeschäfts ist eine der treibenden Kräfte hinter der positiven Entwicklung alternativer Anlage- und Finanzierungslösungen. Dabei müssen Banken Zurückhaltung üben. Gründe dafür sind die zunehmende Regulierungsdichte, gestiegene interne Kosten und die Dominanz von Risikomanagement und Compliance. Dieser Rückzug bietet im Gegenzug Anlegern neue Chancen. So können heute auch Privatinvestoren nachhaltiges Wachstum finanzieren, die entstandene Lücke schliessen und selbst davon profitieren.

Alternative Anlagelösungen decken sehr unterschiedliche Teilmärkte ab. Die Qualität reicht wie am Aktienmarkt von erstklassigen bis zu fragwürdigen Angeboten. Entscheidend sind die Details jeder einzelnen Anlagelösung, die von professionellen Privatanlegern, mandatierten Vermögensverwaltern oder Banken detailliert geprüft werden müssen.

Kalkulierbare Risiken

Für Schweizer Anleger ist insbesondere das realwertbesicherte Spitzensegment interessant, das sich durch attraktive Renditen, kalkulierbare Risiken und eine relativ hohe Liquidität auszeichnet. Grösste Herausforderung ist die im Gegensatz zu anderen Märkten beschränkte Verfügbarkeit solcher Anlageopportunitäten. Die weitaus grössten Risiken liegen in Kredit-, Zins- und Liquiditätsrisiko.

Der Anlageerfolg hängt vom Management dieser Risiken und von der Fähigkeit ab, Anlagen und Finanzierungen zeitlich aufeinander abzustimmen. Zu den grössten Herausforderungen der Lösungsanbieter zählen daher die Bereitstellung der Kapazitäten sowie die Strukturierung von Portfolios. Einen Vorteil bieten dabei realwertbesicherte Finanzierungslösungen, die auf den zugrunde liegenden realen Vermögenswerten basieren. Wert, Risiko und Liquidität können vergleichsweise gut beurteilt werden. Zudem haben sie durch die Realwertbesicherung eine konkrete Sicherheit. Forderungsfinanzierungen sind ein gutes Beispiel hierfür, wenn die Forderungen im Rahmen eines Eigentumstransfers auch wirklich gekauft werden und nicht nur als lose Besicherung eines Kredits dienen. Dabei werden ausstehende Forderungen vor Fälligkeit rechtlich einwandfrei erworben und für eine gewisse Gebühr vorfinanziert. Das verkaufende Unternehmen erhält somit sofort nutzbare Liquidität.

Auf die Details achten

Besonders für stark wachsende und innovative Betriebe ist es attraktiv, die sonst im Prozess gebundene Liquidität freizusetzen. Hohe Diversifikation, kurze Laufzeiten und exzellente Zahlungshistorien zeichnen für Investoren besonders interessante Forderungsportfolios aus. Durch diese Eigenschaften erreichen realwertbesicherte Anlagelösungen eine hohe Stabilität vergleichbar mit anderen Investment-Grade-Anlagelösungen. Ein attraktives Risikoprofil mit minimalem Ausfallrisiko, stetigen Erträgen und attraktiver Liquidität machen diese Lösungen für konservative Anleger, wie etwa Vorsorgeeinrichtungen, interessant. Bei der Auswahl entsprechender Lösungen sollten neben den individuellen Anlagezielen und der Risikobereitschaft auch die Details der konkreten Anlagelösung im Vordergrund stehen. Die physische, analytische und rechtliche Umsetzung meistern nur wenige Anbieter erfolgreich.

Von der gelungenen Anlage in neue alternative Anlagen, zum Beispiel in Lösungen zur Forderungsfinanzierung, profitieren alle Seiten: Anleger kommen in den Genuss höherer und unkorrelierter Renditen, Mittelständler erhalten Zugang zum benötigten Kapital, und die Wirtschaft wächst schneller durch Innovationen. Auf diese Weise können die beiden Seiten der Medaille wieder stärker zusammengeführt werden.

Joscha Rosenbauer, Managing Partner und CEO, Pactum AG.